Der WVF – die Wiege des Plätten-Segelsports am Chiemsee

In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen reifte jener Bootstyp heran, der nicht nur am engsten mit der Geschichte des WVF verbunden ist, sondern der auch das Gesamtbild der Chiemsee-Segelei entscheidend mit prägte. Mit keinem anderen Verein am Chiemsee ist die Chiemsee-Plätte tiefer verwurzelt als mit dem Wassersportverein Fraueninsel und das hat seine Gründe:

Bereits seit hunderten von Jahren fuhren die Fischer der Fraueninsel mit ihren Flachbodenbooten (Platt = Plätte) auf den See, um ihrem schweren und damals gefährlichen Beruf nachzugehen. Über die Jahrhunderte verfeinerte sich das Design des Bootsrumpfes, der einerseits einfach und preiswert zu bauen war, und andererseits leicht durchs Wasser glitt und leicht zu rudern war, denn es gab noch keine Aussenbordmotoren. So entwickelte sich eine Rumpfform, die genug Stabilität und ausreichend Freibord bot, um an guten Fangtagen die bisweilen schwere Fracht von mehreren Zentnern Fisch  zu tragen. Was lag also näher als aus dieser – über die Jahrhunderte optimierten – Bootsform ein kleines, einfaches Segel-Dinghy zu entwickeln.

Eine neue Einheitsklasse wird geboren

Bereits in den 30er Jahren unterzeichneten die am Chiemsee ansässigen Segelclubs Wassersportverein Fraueninsel und Chiemsee-Yacht-Club eine Erklärung zur Gründung einer Chiemsee-Einheitsklasse. Sie stellten sich die Aufgabe ein billiges Einheitsboot herauszubringen, das – bei den damals ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen – einer möglichst großen Zahl von Interessenten die Ausübung des Segelsports ohne großen Geldaufwand ermöglichen sollte. Vor allem der seglerische Nachwuchs sollte gefördert werden.

Die ersten „echten“ Chiemseeplätten

Die ersten Chiemsee-Plätten waren die ursprünglichen Fischerkähne, an die man Außenschwerter anbrachte und die mit einem kleinen Lugger-Rigg getakelt wurden.

Je nach Segelgröße segelte man in der A, B oder C – Plättenklasse. Doch bereits Anfang der 30er Jahre wurden die ersten Boote mit einem Steckschwert aus Metall ausgerüstet und erhielten ein 10 qm Gaffelrigg mit deutlich steiler stehender Gaffel, um die Am-Wind-Eigenschaften zu verbessern. Der damalige 1. Vorstand des Chiemsee-Yacht-Club Herr von Beulwitz war nach einer Regatta von den Plätten so begeistert, dass er sich dafür einsetzte eine neue Einheitsklasse zu schaffen.

Nun war es nur noch ein kleiner Schritt bis im Jahr 1932 die ersten Pläne für die zukünftige Einheitsklassse entstanden. Bootsbauer Franz Madl und der Ingenieur Sepp Holzmayer sind die Urheber des ersten offiziellen Plättenplans, der weitgehend unverändert, mit einer kleinen Anpassung im Jahr 1954 bis heute seine Gültigkeit hat.

Bis Ende der 50er Jahre beliebteste Regattaklasse im WVF

Obwohl die Plätte über den Chiemsee hinaus nur wenig Verbreitung fand, entwickelte sie sich zu einer der beliebtesten Regattaklassen am See. In den 30er Jahren bis hinein in die Nachkriegszeit der 50er und frühen 60er Jahre war die Plätte jedenfalls die beliebteste und stärkste Bootsklasse im WVF. Einige, später auch in nationalen und internationalen Klassen sehr erfolgreiche Steuerleute, lernten in ihr Taktik und Technik des Regattasegelns.

Das erste Boot dieses Typs, getauft auf den Namen „Chiemo“ wurde vom Chiemsee-Yacht-Club in Auftrag gegeben. Das Zentrum der Plättensegelei wurde jedoch schon bald darauf die Fraueninsel.

 

Die 60er Jahre: Unaufhaltsamer Niedergang der Plättenklasse

Die erste Zeit nach dem 2. Weltkrieg – eine Zeit, in der mit Elan und Begeisterung der Plättensport gepflegt wurde – nicht selten waren mehr als 30 Boote am Start – dauert nicht lange an. Es wurde alles versucht, um die Plättensegelei attraktiv zu machen. Man fuhr an den Starnberger See, wo sich der dort ansässige Ammerlander Segel Club der Pflege des Plättensports verschrieb. Es entstand eine nette kameradschaftliche Verbindung, die über viele Jahre andauerte. Gerne erinnern sich die älteren Insulaner an legendäre gemeinsame Feste. Leider sind diese Kontakte zum AmSc sehr vernachlässigt worden, so dass sie sich im Laufe der Jahre völlig auflösten.

Der Plättensport schien trotz aller Anstrengungen gezeichnet. Ende der fünfziger Anfang der sechziger Jahre starteten bei den vom WVF ausgerichteten nur noch acht bis zehn Plätten. Dies schienen die ersten Anzeichen zu sein, dass das Schicksal der Chiemsee als Rennsegelklasse besiegelt war.

80er Jahre: Die sagenhafte Wiederauferstehung

Die Plätte – oftmals totgesagt, genießt seit Mitte der 80er Jahre eine Renaissance, die ihresgleichen sucht. Die Rückbesinnung auf Traditionen, das wiederentdeckte Baumaterial Holz, die praktische Konstruktion und nicht zuletzt eine neue Bescheidenheit haben die Plätte wieder salonfähig gemacht. Sie braucht weder im sportlichen Bereich, noch in der Akzeptanz anderer Betrachter den Vergleich mit einem innovativen, computerberechneten Hightech-Racer zu scheuen. Plättensegeln ist wieder „in“.

71 Plätten starteten im Jahr 2001 beim legendären, von Lindenwirt Wasti Obermaier initiierten und vom WVF ausgerichteten „Lindchen-Cup“.

Diskussionen über die Einhaltung der Baupläne, Gewicht und Segelfläche sind seit Jahren ein Thema bei Regatten und bei den Siegerehrungen.

Nach dem Plättenfrühling: Wie geht’s weiter?

Mit dem Revival der Chiemseeplätte verbreitete sich die Klasse in Windeseile über die Gestade der Fraueninsel hinaus. Neue Gesichter tauchten auf den Regattabahnen auf und neue Vereine zeigten Interesse daran, Plätten Regatten zu veranstalten.

Waren es anfangs nur der WVF und der SCCF, die Plättenregatten durchführten, so gibt es zwischenzeitlich 7 Plättenregatten um den See verteilt. Neben den beiden vorgenannten Vereinen veranstaltet nun auch der CYC, der SRV und der SCPC Regatten für die Plätten.

Diese 7 Regatten werden zu einer Gesamtwertung zusammengeführt und der Chiemsee Plättenmeister ermittelt. Plättenmeister des Jahres 2017 wurde Friedl Liese vom WVF.

Mit diesem neuen Interesse am Plättensegeln war aber auch verbunden, dass Bootsbauer bzw. Plättensegler begannen, Plätten für den Eigenbedarf zu bauen. Und dabei setzte ein Wettlauf beim Optimieren der Plätten ein.

Aufgrund des nach wie vor regen Interesses an der Plätte wurde dann vor einigen Jahren zur Überbrückung der langen Winter auf Initiative des Schriftführers unseres Vereins ein Plätten-Stammtisch organisiert. Die Plättensegler treffen sich in den Wintermonaten einmal im Monat in wechselnden Lokalen rund um den See, der Abschluss der Stammtische findet jedes Jahr in der Linde auf der Insel statt.

Bei diesen Stammtischen entstand dann auch die Idee, die Klassenregeln neu zu entwickeln, die schließlich nach langen Beratungen von den beteiligten Plättenseglern am 09.02.2015 beschlossen wurden. Die Einführung der Klassenregeln führte schließlich dazu, dass es bei der Georg-Klampfleuthner-Gedächtnis-Regatta 2016 zu einem Protest unter zwei Plättenseglern  kam, dem vom Schiedsgericht des WVF stattgegeben wurde. Gegen diesen Protest hat der unterlegene Segler dann sogar mit anwaltlicher Hilfe Berufung beim DSV eingelegt, was ein absolutes Novum in der Plätten Klasse war.

Dieser Protest zeigte aber auch, dass die Klassenregeln noch verbesserungsbedürftig sind, da unter den Plättenseglern nach wie vor sehr viel Unruhe ist, deren Auswirkungen deutlich über das gebotene Maß hinausgehen. Hierbei sollte nämlich immer auch bedacht werden, dass die handelnden Personen ihre Tätigkeiten ehrenamtlich ausüben und keine wirtschaftlichen Eigeninteressen verfolgen. Der Aufgabe der Überarbeitung der Klassenregeln wird sich der WVF nun stellen.

Wichtig aus Sicht der Vereine als Veranstalter von Regatten ist es aber auch, dass Besitzer älterer und gegebenenfalls schwererer Plätten wieder an den Regatten teilnehmen. Dies wird voraussetzen, dass Auswüchse beim Bau der Plätten eingedämmt werden und mehr Chancengleichheit geschaffen wird. Letztlich muss es unser Interesse sein, die Plätte als eine der ältesten Klassen am Chiemsee zu alter Stärke zurückzuführen.

Unser aller Interesse muss aber auch sein, dass zum einen wieder Ruhe einkehrt bei den Plättenseglern und wir uns zurückbesinnen, wofür das Plättensegeln eigentlich steht, nämlich für Heimat, Tradition und Geselligkeit.

Plätten Revival: „wos’d hischaugst – nix wia Tradition!“